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Flucht in die Kunst

Als Maryna Galushchak gezwungen wurde, in die Schweiz zu flüchten, sprach sie kein einziges Wort Deutsch. Heute lebt sie seit gut einem halben Jahr bei einer Gastfamilie und findet in der Kunst Hoffnung und Trost. Was ihre Fähigkeit zum Mitgefühl uns beibringen kann.

Von Pascal Moser

Aufgewachsen ist sie in Odessa und führte mit ihrer Familie ein idyllisches Leben. Mit dem Russischen Überfall im Februar änderte sich dann alles. Sie flüchtete in die Schweiz, mit ihrem Ehemann und Sohn. Aber diese verliessen sie bald, das Ehepaar trennte sich wenige Wochen nach der Anreise. Auch ihre Schwiegermutter war in die Schweiz geflüchtet, verliess das Land aber bald, aus Heimweh nach der Ukraine.

Seither war sie, von Gastfamilie und Betreuer abgesehen, auf sich allein gestellt. Doch bald fand sie eine Anstellung und Freunde, verbringt heute ihre Zeit mit Spaziergängen in der Natur und lernt Deutsch. Auch mit malen verbringt sie viel Zeit.

Es war dann auch die Malerei, die sie zu einem Ausflug nach Zürich bewegt hat. Als Maryna zum ersten Mal hier war, hat sie von der Stadt nichts gesehen. Zu sehr beherrschte die Notsituation damals ihren Blick und liess sie nichts von der Schönheit Zürichs erkennen. Aber diesmal besucht sie die Oper, die sie an Odessa erinnert und nach einem Spaziergang am See auch das Kunsthaus.

Beeindruckt ist sie am meisten von den Künstlern, die ihren inneren Ängsten Ausdruck verleiht haben und den Gemälden, welche einen Wandlungsprozess darzustellen vermögen. Damit meint sie besonders Kandinskys Werke und die Seerosen Monets. Die vermitteln einen Geisteszustand vom Anfang bis zum Ende und haben viel Energie, so Maryna. «Sie stellen für mich eine Entwicklungsreise dar.» Mit den Künstlern fühlt sie sich auf diese Weise verbunden. Ihr Deutsch ist schlecht, sie benutzt meistens ein Übersetzungsprogramm. Doch auch durch die sprachliche Verschwommenheit hindurch strahlt ihre Begeisterung.

Auch im Kunsthaus ist das Thema Krieg und Flucht anzutreffen. Bedeutende Kunstschaffende wie Chasseriau und Géricault befassten sich damit. Letzterer schuf das Gemälde «Kampf von Hunden und Bären». Maryna ist beeindruckt: «Das Bild lässt sich nicht so leicht in Worte fassen, aber immer spürt man, dass etwas Lebendiges darin steckt.», sagt sie. Was das Bild sagt, entziehe sich den Worten. Dafür vereine die Kunst über alle Grenzen hinweg.

Der grösste aller Künstler ist für Maryna jemand ganz Bestimmtes: Vincent van Gogh. Auch seine Bilder sind im Kunsthaus zu sehen. Kein Wunder also, dass sie die meiste Zeit ihres Ausflugs hier verbringt, bei seinen Portraits, den Naturlandschaften und besonders den «Drei Weissen Hütten bei Saintes-Maries». Das Gemälde zeigt eine einfache Landschaft der Provence und erinnern Maryna an ähnliche Aussichten, die sie aus ihrer Heimat kennt. «Es ist fast so, als ob ich in die Ukraine zurückgekehrt wäre.»

Mit den Künstlern fühle sie sich verbunden und fühlt ihnen ihre Empfindungen nach: «Kunst bedeutet Mitgefühl, nur dadurch können ich die Gemälde so berühren. Deshalb möchte ich mit allen Menschen meine Hoffnungen teilen, und das Gefühl, dass wir selbst unser Leben bestimmen. Man kann viel schaffen, wenn man sich auf das Positive im Leben fokussiert.» Und das hat Maryna von Anfang an bewiesen und für sich ein neues Zuhause in der Schweiz entdeckt. Sie ist aber nur eine von tausenden ukrainischen Geflüchteten. Und nicht alle haben so viel Glück wie sie. Und doch hört man immer weniger von der Notlage in der Ukraine, obwohl die Lage aktueller kaum sein könnte. Ist die Schweiz des Mitgefühls überdrüssig?

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