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Anna Karenina 

Das Theater St.Gallen liefert mit einer Neuinterpretation der Anna Karenina Tolstois ein politisches Erfolgsstück. 

von Joelle Thoma 

Am 6. November besuchte ich die Theateraufführung Tolstois «Anna Karenina» in St. Gallen. Leicht verspätet huschte ich in den Theatersaal und erblickte eine karge Bühnenlandschaft bestehend aus einer schwarzen Fläche, einigen Ventilatoren und einer weiss-transparenten, gigantischen Blache. Das schimmernde Stück Plastik wurde immer wieder choreographisch und höchst konzentriert von Schauspieler*innen und Techniker*innen in seiner Form verändert. Es fungierte je nach Situation als Eislauffeld, Projektionsfläche für Video-Einschübe oder aber als Kleid von Kitty, die, wie die restlichen Figuren, in schrillen, bedruckten und gemusterten Outfits über die Bühne wirbelten, angespannte Dialoge führten oder aus einer Erzählerperspektive von sich selbst sprachen.

Das Schauspiel gestaltete sich nicht als historische Nacherzählung, sondern als moderne, feministische Auffassung des Klassikers. Im Fokus stehen die Frauen Anna, Kitty und Darja. Sie durchleben emotionale Prozesse des Abschiednehmens, des Verlassenwerdens und der Enttäuschung. Die verzweifelten Schreie gingen mir durch Mark und Bein, ihre Worte stimmten mich nachdenklich. Was es bedeutet, als russische Adlige im 19. Jahrhundert zu einer ausserehelichen Beziehung zu stehen, wird an der Figur Annas schmerzlich nachvollziehbar. Ihr wird der Kontakt zu ihrem Kind verweigert, und ihre Ehe verfolgt sie auch noch, als sie mit Wronski um die Welt reist. Anna scheint das frisch verliebte, frei wirkende Leben im ersten Moment zwar zu geniessen. Doch ihre Reise gleicht je länger desto eher einer Flucht als einem Urlaub.

Als das Lied «La Bambola» gesungen wird, welches mich an waghalsige Autofahrten durch die Toskana auf staubigen Strassen erinnert, auf denen ich jeweils lauthals zur Best-of-Italia-CD meiner Eltern mitsang, ohne die Bedeutung des Liedes zu verstehen, wird erst die Ironie der Geschichte klar. Das Lied handelt von einer Frau, die nicht mehr als austauschbare Puppe behandelt werden möchte. Anna kann noch so weit wegfahren und versuchen, sich loszureissen. Sie bleibt eine Marionette eines gesellschaftlichen Geflechts, das zwar die Bewegung innerhalb zulässt, dem sie jedoch nicht entkommen kann.

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